Ein prägendes Erlebnis

von Carla Cingil

In meiner ersten Woche im Landtag habe ich viele spannende Sachen erlebt. Neben Ausschusssitzungen und verschiedenen anderen Veranstaltungen durfte ich Carina bei einem ganz besonderen Termin begleiten. Ungefähr 70 junge Asylbewerberinnen und Asylbewerber trafen sich im Rahmen ihrer Integrationskurse im Landtag, um das Prinzip der Demokratie kennenzulernen. Viele von ihnen kommen aus autoritären Staaten und kennen die Demokratie nur aus Büchern oder aus dem Fernsehen. Um dies zu ändern, erzählte Carina ihnen etwas über den Föderalismus und Parlamentarismus. Anschließend ging es mit einer Fragerunde weiter im Programm. Die Jugendlichen erzählten von ihrer Heimat und der aktuellen politischen Lage in ihrem Land. Manche stellten kritische Fragen zu einzelnen Punkten wie der Asylaufnahme oder der Waffenindustrie in Deutschland.

Äußerst bewegend fand ich die Geschichte eines circa 20-jährigen Jungen. Er kommt aus Eritrea und erzählte uns Ausschnitte aus seiner Geschichte. „Ich blicke auf die Waffen in meinem Land und es steht made in Germany drauf. Ihr wundert euch, dass so viele Flüchtlinge nach Europa kommen, dabei seid ihr doch selber Schuld, dass wir flüchten müssen. Ich verstehe nicht, warum ihr die Grenzen zu macht. Wenn es so weiter geht, werden noch viel mehr kommen. Warum hört ihr nicht einfach auf, Waffen nach Afrika zu liefern?“

Auch wenn ich mit dieser Problematik vertraut bin, haben mich seine Worte sehr gefesselt und auch zu Tränen gerührt. Seine Stimme war von Wut und Verzweiflung geprägt: „Eigentlich möchte ich gerne wieder zurück zu meinen Freunden und zu meiner Familie“, sagte er mit leiser Stimme. „Es geht aber einfach nicht“, fügte er hinzu.

Ich besitze das große Privileg, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem es keinen Krieg gibt, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind, dass die Werte wie Gleichheit und Gerechtigkeit vertritt und in dem Bildung für jeden Menschen zugänglich ist. Ich lebe in einem Land, das anderen Menschen Zuflucht und Schutz bieten sollte, die diese Privilegien nicht besitzen, nur leider sehen dies manche Menschen anders. Die Grundwerte, die mir solch ein privilegiertes Leben ermöglichen, werden zurzeit von genau diesen Leuten mit Füßen getreten. Es ist meiner Meinung nach eine riesen Schande, dass diese Menschen bereits bis in die politischen Parlamente eingedrungen sind. Wir sollten uns jeden Tag vor Augen führen, was für ein Glück wir haben, in einer funktionierenden Demokratie zu leben. Es ist unsere Aufgabe, die Demokratie mit all unserer Kraft vor Leuten zu schützen, die sie gefährden. Wir müssen Menschen, die nicht zwischen den Zeilen lesen können oder mit bestimmten Problematiken nicht vertraut sind, aufklären und sie immer wieder daran erinnern, dass unsere Demokratie etwas Kostbares und beim besten Willen nichts Selbstverständliches ist. Wir könnten genauso gut in Syrien oder Eritrea aufgewachsen sein. Wir müssen in Deutschland keine Angst davor haben, dass unsere Geliebten jederzeit verfolgt oder getötet werden könnten. Wir müssen keine Angst davor haben, unsere Meinung laut auszusprechen oder zu verhungern. Wir werden nicht jeden Tag mit den Gedanken konfrontiert, den nächsten Tag vielleicht nicht mehr zu erleben.

Daher ist es unsere Pflicht als privilegierte westliche Menschen, denen Schutz zu gewähren und sie aufzunehmen, die genau dies durchgemacht haben oder vielleicht noch durchmachen werden. Es fällt manchen Menschen bestimmt schwer, sich all das vorzustellen, nur leider ist das kein Film. Für viele Menschen ist das die bittere Realität. Diese Menschen erhoffen sich, in Europa Schutz zu finden, bis sie wieder in ihrer Heimat leben können.

Der Wille zu leben steckt in jedem von uns und wir haben nicht das Recht, diesen Willen anderen zu verbieten. Wir haben nicht nur nicht das Recht, ihnen diesen Willen zu verbieten, sondern durch den Artikel 1 unseres Grundgesetzes haben wir auch die Pflicht, die Würde und das Leben dieser Menschen zu schützen.