60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei – 60 Jahre gute Nachbarschaft?

Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums des Anwerbeabkommens mit der Türkei luden die drei direkt gewählten Bochumer Landtagsabgeordneten Carina Gödecke, Serdar Yüksel und Prof. Dr. Karsten Rudolph am Abend des 17.09.2021 zu einer gemeinsamen Veranstaltung im deutschen Bergbau-Museum Bochum ein. Im Zentrum stand die gemeinsame Reflexion von Einwanderungsgeschichten seit 1961, deren Erfolge und damit verknüpfte Herausforderungen. Carina Gödecke leitete mit dem Aufruf ein: „Es gilt die Lebensleistung der vielen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter zu würdigen“. Integration sei ferner ein wechselseitiger Strom, keine Einbahnstraße.

Gastgeber Prof. Dr. Stefan Brüggerhoff vom deutschen Bergbau-Museum Bochum stellte klar, dass unter Tage nicht zwischen Nationalitäten unterschieden wurde, alle waren Bergmänner. Gerade deshalb sei das Bergbau-Museum ein würdiger und passender Ort, um die Lebensleistung der ersten Gastarbeitergeneration im Rahmen der Veranstaltung wertzuschätzen. Daran anknüpfend lobte der türkische Generalkonsul – Essen, Sener Cebeci, die Errichtung des geplanten Gastarbeiter-Denkmals auf dem ehemaligen Zeche-Gelände Zollverein. DGB- NRW Vorsitzende Anja Weber wies auf die besondere Rolle der Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen in den Gewerkschaften hin. Darüber hinaus identifizierte Anja Weber Alltagsrassismus als größte Bedrohung andauernder Integrationsbemühungen. In einer anschließenden Podiumsdiskussion moderierte der Vorsitzende der Bochumer SPD, Serdar Yüksel, eine Gesprächsrunde mit Mustafa Calikoglu, Prof. Dr. Haci Halil Uslucan und Cansin Köktürk. Mustafa Calikoglu kritisierte das nicht ausreichende Angebot kultursensibler Pflegeeinrichtungen für jene Menschen, die zum Teil unter widrigsten Bedingungen für deutsche Unternehmen gearbeitet haben. Podiumsgast Prof. Dr. Haci Halil Uslucan wies auf den anhaltenden Umstand hin, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte noch immer größere Anstrengungen bemühen müssten, um den gleichen Ertrag zu erhalten wie Menschen ohne entsprechende Voraussetzungen. Cansin Köktürk hofft, dass ihre Kinder eines Tages nicht auf die Zuwanderungsgeschichte Ihrer Urgroßeltern reduziert werden.

Abschließend resümierte Serdar Yüksel mit den Worten von Max Frisch „wir fragten nach Gastarbeitern und es kamen Menschen“ und erinnerte an die zahlreichen Erfolge seit 1961. Die Lebensleistung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter sei auch politisch zu würdigen. „Noch immer ist es nicht vermittelbar, dass Menschen, die seit 50 Jahren in diesem, in unserem Land leben, nicht an Kommunalwahlen teilnehmen dürfen“.  Auch die Anerkennung der doppelten Staatsbürgerschaft stelle einen wichtigen Schritt in dieser Hinsicht dar. Denn eines sei klar, „wir sind ein Teil von Deutschland und wollen die Zukunft mitgestalten“.

Musikalisch wurde der Abend durch das Duo OSTWEST begleitet.

„Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Die Reduzierung auf Nationalitäten trennt uns voneinander. Meine Heimat ist Bochum, der Garten meines Opas in der Türkei […]. Es ist ein Gefühl der Verbundenheit“

Cansin Köktürk

„Heimat ist dort, wo ich mich nicht rechtfertigen muss. Wo ich mich nicht erklären muss“

Prof. Dr. Haci Halil Uslucan