Bildarchiv des Landtags Nordrhein-Westfalen

Teil 1 meines persönlichen Rückblicks auf 27 Jahre Landtag: Wie alles begann – mein erster Tag im Mai 1995 …

Lang ist es her: am 16. Mai 1995 habe ich den Landtag in Düsseldorf zum ersten Mal als gerade ganz frisch gewählte Abgeordnete aus Bochum betreten. Und, was soll ich sagen? Es war ein unbeschreiblich aufregendes und fast unglaubliches Gefühl. Ich erinnere mich wie heute an eine Mischung aus großer Dankbarkeit, fasziniertem Erstaunen, viel Respekt und ganz viel Motivation, Bochum und meinen Wahlkreis gut zu vertreten.

Damals hatte mein Wahlkreis noch die Wahlkreisnummer 124 und bestand ausschließlich aus dem Gebiet des Bochumer Osten und des Bochumer Nordens. Insgesamt gab es in Bochum vier Direktwahlkreise, die 1995 – wie in all den Wahljahren zuvor – von der SPD gewonnen wurden. Meine SPD-Kolleg*innen waren 1995 Birgit Fischer, Wolfgang Clement und Heinz Wirtz. Und im Unterschied zu heute gab es 151 Direktwahlkreise. Das Parlament bestand aus nur drei Fraktionen – die FDP hatte mit 4% den Einzug knapp verpasst – und hatte 221 Mitglieder. Wir Sozialdemokraten hatten nach 15 Jahren die absolute Mehrheit und damit die Alleinregierung verloren. Und das mit – aus heutiger Sicht großartigen – 46% Zustimmung. Erst- und Zweitstimme gab es übrigens damals auch noch nicht. Johannes Rau blieb bis zum 27. Mai 1998 Ministerpräsident der rot-grünen Landesregierung. Ihm folgte dann später Wolfgang Clement. Das herausragende landespolitische Thema, nicht nur im Wahlkampf sondern auch danach, waren die Entscheidungen zum Tagebau Garzweiler II. Ein landespolitisches Thema, das sich sehr schnell zu einem Dauerstreitthema innerhalb der neuen Regierungskoalition entwickeln sollte.

Im Kreis der vier sozialdemokratischen Bochumer MdLs war ich die einzig Neue. Mein erster Tag war für mich mehr als spannend und aufregend. Alles, wirklich alles war neu, weitestgehend unbekannt, sehr beeindruckend und fühlte sich zwei Tage nach der Wahl im wahrsten Sinne des Wortes ganz irreal an. Und der Begriff „alles“ umfasst das bis heute unglaublich imposante Landtagsgebäude mit seiner runden und lichtdurchflutenden Architektur, die man erst einmal – besser gesagt nach und nach – verstehen und erkunden muss, der große Fraktionssaal der SPD, die vielen neuen Kolleg*innen, die SPD hatte immerhin 108 Direktwahlkreise errungen, die Arbeitsabläufe, die sich von den mir bekannten aus der Kommunalpolitik so sehr unterschieden, die Tatsache, dass ich ab sofort hauptamtlich Politikerin sein würde, und noch so viel mehr. Wir Neuen bekamen von den länger andauernden Koalitionsverhandlungen relativ wenig mit, waren wir doch mehr damit beschäftigt, uns selbst zu organisieren, Wahlkreisbüros aufzubauen, alles kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und uns einfach zurecht zu finden.

Natürlich kann man die Zeit im Mai 1995 nicht mit der heutigen Zeit vergleichen. Handys waren selten bis gar nicht vorhanden, PCs gab es zwar, aber eher als eine Art weiterentwickelte elektrische Schreibmaschine, Internet oder Emails waren in der politisch-parlamentarischen Arbeit Fremdwörter, dafür erfreute sich das Fax-Gerät – natürlich mit Thermopapier – immer größerer Beliebtheit, Kommunikation fand per Telefon oder Bundespost statt, und man schrieb noch ganz altmodisch Pressemitteilungen, die ebenfalls per Post verschickt wurden. Wenn man das heute erzählt, klingt es fast unglaublich. Aber, so waren die Zeiten damals – etwas weniger hektisch, dafür aber mit Zeit und auch Muse für den Austausch und das Gespräch über Parteigrenzen hinweg.

Blicke ich auf meinen letzten Tag als Abgeordnete, der am 1. Juni 2022 kommen wird, dann freue ich mich auf den vor mir liegenden neuen Lebensabschnitt. Ein wenig bin ich auch wieder aufgeregt, denn die Türen, die sich nach 27 Jahren schließen, bedeuten zugleich, von allem Vertrauten und Gewohnten Abschied zu nehmen. Was und wie war, weiß ich, was kommt … das liegt in einer etwas ungewissen Zukunft. Genau damit erinnert mich der letzte an meinen ersten Tag im Landtag. Gespannt, neugierig, etwas nervös, aber mit vielen Hoffnungen und Erwartungen beginnt ein neues Kapitel im Leben, öffnet sich eine neue Tür.

Und ich bin sicher, wenn sich am 17. Mai die Türen des Landtags zum ersten Mal für die dann frisch gewählten Landtagsabgeordneten öffnen, werden auch sie erst einmal von allem Neuen beeindruckt, fasziniert und vielleicht sogar ein wenig überwältigt sein. Denn das Gefühl, nun für fünf Jahre gewählte Volksvertreter*in sein zu dürfen, die tiefe Dankbarkeit, in einem demokratischen Land Verantwortung tragen zu dürfen, wird sich kaum von dem Gefühl von vor 27 Jahren unterscheiden. Nur in einem einzigen Punkt wird man garantiert einen Unterschied feststellen. Fast in Echtzeit werden die neuen Landtagsabgeordneten ihre ersten Schritte in Facebook, auf Instagram, bei Tic Toc, Twitter oder Youtube festhalten. Die Möglichkeiten gab es 1995 in der Tat nicht. Aber spannend und einmalig war der erste Tag im Landtag dennoch, auch wenn es kein Foto, kein Video, keinen Post davon gibt.